Schlagwörter

, , ,

Es war einmal in einem kleinen, gemütlichen Heim. Das Heim gehörte einer älteren Dame, die schon seit Jahren alleine lebte, obwohl, so ganz alleine war sie gar nicht. Denn immer wenn sie gerade schlief, kümmerten sich ihre Lieblingsgegenstände um alles was in dem Haushalt liegen geblieben war.

Das Geschirr schrubbte sich mit Hilfe von Fräulein Schwamm. Sie bestand auf das Fräulein, denn sie hatte längst ein Auge auf den Herrn Topflappen von der gegenüberliegenden Küchenzeile geworfen und wollte ihm so unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie noch zu haben war.

Unterdessen plusterten sich die Geschwister Kissen auf und die Stricknadelzwillinge arbeiteten unter lautem Geschwätze ein paar Reihen weiter. Bestimmt fragt ihr euch jetzt, wie laut sie denn waren, denn immerhin schlief die alte Dame beinahe im selben Zimmer. Nun für Stricknadeln waren sie laut, aber für Menschen ist das immer noch ziemlich leise. Wenn die alte Dame jünger gewesen wäre, dann hätte sie vielleicht gerade noch das Klackern der Nadeln im Nebenzimmer gehört.

Von all ihren Gegenständen, die die alte Dame im übrigen sehr gut behandelte, hatte sie ihr Nadelkissen am allerliebsten. Ihre Mutter hatte es damals für sie gemacht, damals als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Es war ein sehr schönes Nadelkissen mit aufgestickten Blumen und in ihm steckten ihre liebsten Nähnadeln, aber nicht nur die, auch Stecknadeln und Sticknadeln in jeder Größe und Form. An manchen Abenden betrachtete die alte Dame es stundenlang und seufzte immer zu.

Das Nadelkissen war ebenfalls eine alte Dame. Die alte Frau Nadelkissen, wie sie von den anderen Gegenständen gern genannt wurde, war vielleicht manchmal ein klein wenig schroff, aber im inneren hatte sie einen guten Kern. Sie kümmerte sich um jede Näharbeit und darum, dass in der Nähkiste der alten Dame Sauberkeit und Ordnung herrschte. Sie war so gewissenhaft, dass sie sogar außerhalb der Nähkiste hin und wieder für Ordnung sorgte und mehr als einmal von den neueren Gegenständen um Rat gefragt wurde.

Die Gegenstände hatten eine wunderbare Zeit mit der alten Dame und alles verlief in geordnetem Rahmen, solange bis die alte Dame eines Tages mit einem merkwürdigen Karton nach Hause kam.

Sie war an diesem Tag schon zum zweiten Mal ausgegangen, was für die Gegenstände äußerst seltsam war und ihnen Grund zur Sorge gab. Keiner von ihnen wollte, dass der alten Dame etwas passierte oder sich etwas an ihrem Leben änderte. Wer konnte schon ahnen wohin sie alle kommen würden, sollte die alte Dame eines Tages nicht mehr nach Hause kommen. Vor allem der alten Frau Nadelkissen war richtig mulmig zu mute, denn sie glaubte kaum, das sie für jemanden anderen einen Wert haben würde. Das einzige, was sie noch etwas wertvoller machte, waren die Nadeln die sie behütete.

Kaum hatte die alte Dame den Raum mit der Schachtel betreten, spitzten die Gegenstände die Ohren, um vielleicht zu erfahren, was es mit der Schachtel auf sich hatte.

Die alte Dame sprach behutsam auf den Karton ein.

„Ist ja gut mein Kleiner… Ich kümmere mich jetzt um dich. Warte kurz…“

Nach diesen Worten holte die alte Dame eine von den kleinen Schälchen, die sie in ihrem Schrank aufbewahrte und füllte etwas Wasser hinein. Sie stellte sie neben dem Karton ab und öffnete vorsichtig den Deckel.

Die Stricknadelzwillinge fielen vor lauter Neugierde beinahe aus dem Korb in dem sie wohnten, so sehr wollten sie hineinsehen, doch sie konnten keinen Blick auf den Inhalt erhaschen.

Die alte Dame hingegen warf nur einen Blick in den Karton seufzte und verschwand erneut nach draußen. Was auch immer in der Schachtel war schien einen weiteren Ausflug zu rechtfertigen.

Die Stricknadelzwillinge begannen sofort zu tratschen, als die Tür ins Schloss fiel.

„Es ist bestimmt eine Katze“, erklärte die eine.

„Wie furchtbar! Stell dir vor was für ein Chaos die mit unserer Wolle anstellen wird!“, rief die andere aus.

Kurz darauf begann der ganze Raum zu vibrieren, so viele Stimmen fielen in das Gespräch der Stricknadeln ein. Das Geschirr war ganz begeistert, vor allem die kleinen Schälchen und Tellerchen, die endlich einen Sinn in ihrem Dasein sahen.

„Sie wird sie füttern müssen, also braucht sie uns bestimmt!“

Aber auch unbeteiligte wie die Topflappen begannen über das Für und Wieder einer Katze im Haus zu diskutieren. Alle waren so beschäftigt mit sich selbst, dass nur die alte Frau Nadelkissen beobachten konnte, wie etwas aus dem Karton heraus guckte und langsam begann über den Rand zu blicken.

Die alte Frau Nadelkissen hatte noch nie eine Katze gesehen, doch nach all den Beschreibungen, die sie schon gehört hatte, schien es ihr sehr unwahrscheinlich, dass das was da aus dem Karton gekrochen kam, eine Katze war.

Es war klein und umhüllt von einem merkwürdigen Fell, dass anstatt sich an den Körper zu schmiegen seltsam wegstand. Als sie es genauer betrachtete fiel ihr außerdem auf, dass das Fell an manchen Stellen gebrochen zu sein schien, beinahe so, als wäre es abgeknickt worden. An diesen Stellen konnte man die darunter liegende Haut sehen und auch diese schien nicht besonders gut behandelt worden zu sein.

Sofort war die mütterliche Seite der alten Frau Nadelkissen geweckt. In dem ganzen Aufruhr rund um Katzen hoppelte sie zu dem Karton hinüber.

„Hallo mein Kleines“, begrüßte sie das Wesen freundlich, „Mein Name ist Nadelkissen und deiner?“

Das kleine Wesen schniefte unglücklich und erst in dieser Nähe fiel der alten Frau Nadelkissen auf, dass es wohl geweint haben musste.

„Mein Name ist Ikarus Igel, aber ich seh gar nicht mehr aus wie ein Igel…“

Bei den Worten bildeten sich erneut Tränen in seinen Augen und flossen nur so über seine Wangen hinab, „Ich hab gar keine Stacheln mehr und alle werden mich jetzt auslachen!“

Die Tränen wurden immer mehr und nun begann er auch noch zu schluchzen.

Mittlerweile hatte das Gespräch der Beiden auch die Aufmerksamkeit der anderen Gegenstände auf sich gezogen.

„Achje du Armer! Nicht weinen“, beruhigte die alte Frau Nadelkissen, „Wir finden bestimmt eine Lösung!“

„Meinst du?“, schniefte der Kleine und blinzelte sie unsicher an.

Auf einmal bekam er ein Leuchten in seinen Augen.

„Oh du hast ja so schöne Stacheln und die sind auch ganz spitz! Glaubst du ich kann welche davon haben?“, fragte er erfreut.

Die alte Frau Nadelkissen machte einen halben Sprung zurück.

„I-Ich weiß nicht… Ohne meine Nadeln kann ich doch kein Nadelkissen mehr sein. Was wird die alte Dame denn dann mit mir machen?“, fragte sie unsicher.

Doch der kleine Igel sah sie immer noch mit großen Augen an und sie konnte spüren wie sehr er die Bestätigung brauchte, die andere ihm geben würden, wenn er nur so aussah wie er aussehen sollte. Seine Nadeln würden bestimmt nicht so schnell nachwachsen und sie konnte die hämischen Blicke der Stricknadelschwestern bereits auf ihm liegen sehen. Nicht lange und sie würden sich über ihn lustig machen.

Nun gut, dachte sie sich und gab sich einen Ruck. Sie war ein altes Nadelkissen und sie würde schon zurecht kommen.

Lächelnd näherte sie sich wieder dem kleinen Igel.

„In Ordnung. Ich mach dich wieder zu einem richtigen Igel“, erklärte sie mit einem freundlichen Lächeln und begann Nadeln von sich auf den Igel zu übertragen.

Als die alte Dame zurückkam staunte sie nicht schlecht. Sie war bei einem Tierarzt gewesen, der ihr Anweisungen gegeben hatte, wie sich sich am besten um das kleine Tier kümmern sollte, bis es wieder ganz gesund war. Doch als sie ihre Wohnung betrat wurde ihr klar, dass ihre Gegenstände das schon für sie übernommen hatten.

Neben der Kiste saß ein wunderhübscher kleiner Igel, dessen Stacheln mehr glänzten, als es die seiner Artgenossen je tun würden. In ihrer Nähkiste hingegen lag ihr altes Nadelkissen völlig ohne Nadeln.

Ein warmes Lächeln legte sich über das Gesicht der alten Dame, als sie ihr Nadelkissen aus der Kiste hob und sanft über die Stickereien streichelte.

„Du gütiges Nadelkissen, du gute Seele“, flüsterte sie und wenn sie genau hingesehen hätte, dann hätte sie sehen können wie die alte Frau Nadelkissen vor Stolz anschwoll und ein klein wenig Rot wurde, so wie sie es seit ihrer Jugend nicht mehr geworden war.

Advertisements