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Der Wert eines Lebens

Schweiß rannte über ihr Gesicht, tropfte in ihre Augen und verschleierte ihr Blickfeld. Brütende Hitze erstreckte sich über den Dschungel und das obwohl es bald dämmern würde. 

Grollender Donner ertönte, doch ihre Ohren waren schon beinahe taub dafür. Kaum nahm sie etwas anderes, als ihren eigenen Herzschlag wahr und das trommeln ihrer Stiefel auf dem feuchten Boden. Die Luftfeuchtigkeit machte ihr mehr zu schaffen, als die Hitze. Jeder Atemzug fühlte sich schwer und unerträglich an. Unter ihrem Helm kochte es, doch sie wagte es nicht ihn abzunehmen. 

Knallen, Donner, Druckwellen. Alles brach immer fort über ihnen zusammen. Keine Sekunde Ruhe. Der Befehl zum Rückzug musste bald kommen. 

In den Gesichtern ihrer Kameraden konnte sie dieselbe Verzweiflung lesen. Den Drang möglichst bald dieser Hölle zu entfliehen. Sie konnte die Angst von ihnen riechen, auch wenn sie meist versuchte, diese auszublenden. Es würde ihr nichts nützen auch noch deren Angst zu durchleben, geschweige denn ihre Jagdinstinkte durch diese wecken zu lassen. 

Ein Zischen, ein Sausen, ein kalter Luftstrom. Instinkte schlagen zu und sie wirft sich auf den Boden. Laser festhalten, klein machen, nicht zu tief atmen. War es ein Gasangriff? Es ist schwer zu sagen, solange sie das Gesicht voll feuchter Erde hat. Sekunden vergehen und noch einige. Langsam beginnt sich die Truppe wieder aufzurichten. Alle bewegen sich vorwärts, immer dem Feind entgegen. 

Sie hatte immer noch Schwierigkeiten die Wesen dieses Planeten als Feind einzuordnen, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Die reptilienartige Haut und das fremdartige Aussehen war zu erwarten gewesen, doch die Todesschreie klangen in ihren Ohren immer noch viel zu menschlich. Es machte keinen Unterschied wer auf dem Kampffeld starb, die Schreie verfolgten sie bis in ihren Schlaf. 

Da war es, das Handsignal zum Rückzug. Eine merkwürdige Erleichterung fuhr durch die gesamte Truppe. Langsam bewegte sich der Strom an Menschen rückwärts, doch der Blick war immer noch gegen den Feind gerichtet.

Lora war Teil der Speerspitze, also eine der letzten die den Rückzug antraten, deswegen konnte sie ihn sehen. Ein kurzes Aufblitzen von Metall im immer schwächer werdenden Licht war alles was ihn verriet. Dann folgte ein Kampfschrei und ihre Truppe rannte. Die ganze Truppe bewegte sich wie ein einziges wildes Tier auf der Flucht. Nur wenige blickten immer wieder zurück, um zu sehen, ob sie den Feind schon hinter sich gelassen hatte. Lora hatte immer den Feind im Blick. Selbst wenn sie rannte, spähte sie ständig zurück. Es war ihr Jagdinstinkt, der nicht locker lassen wollte von der Beute, die sie erspäht hatte. Doch diesmal hatte die Beute das Überraschungsmoment.

Nach einem weiteren kurzen Blick viel es ihr das erste Mal auf. Als Rudeltier hatte sie ständig die Anzahl ihrer Mitglieder vor Augen, doch dieses Mal fehlte jemand. Ein weiterer schneller Blick. Da regte sich etwas hinter ihr im Geäst. Wie gelähmt blieb sie stehen.

Ihr Offizier lief weiter, doch nicht ohne sie am Arm zu ziehen.

„Was machen sie da Jacobs? Wollen sie unbedingt drauf gehen?“, schrie er ihr ins Ohr.

Doch hinter ihnen lag Anderson auf dem Boden. Ein Speer ragte aus seiner Wade, trotzdem er hatte den Oberkörper aufgerichtet und griff mit seiner Hand nach ihnen.

„Helft mir…“, schien er zu flüstern, aber es drangen keine Worte aus seinem Mund, oder sie konnte sie nicht hören. 

Die Entscheidung fiel in einem Bruchteil einer Sekunde. Während der Offizier ihr ins Ohr schrie und sich die Lippen ihres Kameraden bewegten. Lauf, schrie etwas in ihr, lauf.

Auf diese Stimme hörte sie.

Sie ließ ihren Laser fallen, strich sich den Helm vom Kopf, holte tief Atem und lief. Mit einem Satz verwandelte sie sich wieder in sich selbst. Seit Jahren hatte sie dies nicht mehr getan. Ihre Muskeln fühlten sich merkwürdig fremd an und zugleich vertraut. Ihr Körper schien in dieser Gestalt besser mit der Hitze umgehen zu können. Ihr Fell kühlte und schützte zugleich. Sie war innerhalb von zwei Sätzen an seiner Seite und mit einem weiteren, verscheuchte sie die Eingeborenen, die sich immer näher an ihn heran getastet hatten. Ein Fauchen von ihr schien zu genügen.

Rückwärts zog sie sich zu ihrem Kameraden zurück und sah ihm in die Augen. Schiere Panik blickte zurück und es dauerte einen Moment bis ihr klar wurde warum. Die Löwin spiegelte sich in seinen Augen. 

Ohne zu überlegen schlüpfte Lora zurück in ihre menschliche Hülle. Die Panik ihres Kameraden verging nicht, aber so konnte sie ihm unter die Arme greifen und ihm hochhelfen. Er stützte sich auf sie, während sie gemeinsam zurück zu ihrer Truppe humpelten. 

Der Offizier blickte ihnen entgegen und als Lora in seine Augen sah, da wusste sie, dass es nun vorbei war. 

Noch nackt, da ihre Kleidung bei der Verwandlung zerrissen worden war, warfen ihre Kameraden sie in eine Zelle. Nur mit Mühe widerstand sie dem Drang sich in ihren Anima zurückzuziehen. Es würde ihrer Sache nicht helfen, wenn eine Löwin in der Zelle auf und ab tigerte. 

Statt dessen faltete sie ihren Körper so klein wie möglich zusammen und legte den Kopf auf ihre Knie. Niemand sollte ihr Gesicht sehen, nicht so, nicht jetzt. Ein uralter Kampf tobte in ihrem Innersten, Instinkt gegen Vernunft, und sie war sich nicht sicher, welcher von beiden gewinnen würde. 

Eigentlich spielte es keine Rolle, denn ihre Hinrichtung war nun eine reine Formsache. Je nachdem wie schnell sich der Ranghöchste des Lagers dazu bequemte die nötigen Papiere zu unterschreiben würde sie heute oder morgen oder in einer Woche sterben. Von jetzt an war jede Stunde ihre letzte.

Es dauerte zwei Tage bis sie zumindest erfuhr wie es weiterging. Die Zeitspanne konnte sie nur anhand des Lichts, welches in ihre Zelle strömte erahnen. Mahlzeiten sah sie in dieser Zeit nur sporadisch, aber wer machte sich auch die Mühe eine Todgeweihte zu füttern. Der einzige Trost der ihr blieb, war das Leben, welches sie mit ihrer Tat hatte retten können.

Ihr Offizier betrat die Zelle und betrachtete sie mit einem kühlen Blick.

Lora hatte sich schon bei dem Geräusch des Schlüssels aufgerichtet und lehnte nun nackt an ihrer Zellenwand, die Arme vor ihrer Brust verschränkt.

„Die Todgeweihten grüßen dich, oh großer Cäsar“, grüßte sie ihn mit vor Sarkasmus triefenden Worten.

Ihr Gegenüber zuckte merklich zurück, als ob sie ihn geschlagen hätte. Er war kein schlechter Mensch, das wusste sie, aber er musste seinen Job tun.

Schneller als geglaubt hatte er sich wieder aufgerichtet und sah sie mit demselben kühlen Blick an, wie zuvor. Doch nein, wenn sie genau hinsah konnte sie erkennen, dass er gar nicht sie ansah. Er fixierte einen Punkt direkt auf ihrer Stirn und starrte dabei ins Leere.

„Nach den Gesetzen der Erde sind Sie zum Feind des Planeten erklärt worden. Für jeden Ihrer Rasse, der sich nicht freiwillig dem Gesetz übergeben hat, ist ein sofortiges Todesurteil erstellt worden. Sie wissen, dass sie mit ihrem Verstecken den gesamten Planeten gefährdet haben und, dass sie ihr eigenes Urteil unterzeichnet haben. Das Urteil wird morgen früh vollstreckt.“

Die ganze Zeit über blickte er ihr nicht ein einziges Mal in die Augen und nachdem er seinen Text aufgesagt hatte, drehte er sich sofort um, um ihre Zelle zu verlassen, doch sie konnte ihn nicht gehen lassen, nicht so.

Mit zwei Schritten war sie hinter ihm und griff nach seinem Ärmel.

„Hey“, rief sie, „Sagen sie ihm, dass es das wert war. Dass er sein geschenktes Leben nicht wegwerfen soll.“

Es waren leere Worte, das wusste sie. Wenn sie Anderson richtig einschätzte, dann würde er sich nur davor ekeln, dass sie ihn überhaupt berührt hatte. Seine Abneigung gegenüber ihrer Art war in mehreren Gesprächen durchaus deutlich geworden. Trotzdem wollte sie, dass er sich daran erinnerte, wer ihn dort herausgeholt hatte. Wenn sie schon sterben sollte, dann wollte sie wenigstens diese Genugtuung haben.

Der Offizier hatte sich nicht einmal umgedreht bei ihren Worten. Er schüttelte nur ihren Arm ab und schritt durch die Zellentüre. 

Einen Moment wollte sie nichts mehr, als dort hinaus. Einfach der Löwin in ihr freien Lauf lassen und diese Zelle hinter sich lassen, doch sie wusste, dass dort draußen mehr Soldaten standen als sie überwältigen konnte. Alle würden die Laser im Anschlag halten und nur auf so einen Versuch warten. Der Versuch, der der Beweis wäre, dass sie doch nur ein Tier war und zeitgleich die Notwendigkeit einer Hinrichtung zunichte machen würde. Sie würde ihnen diese Genugtuung nicht geben. Sie würde möglichst vielen von ihnen In die Augen sehen auf dem Weg zur ihrer Hinrichtung und sie würde in ihnen all die Erinnerungen hervorrufen, die sie am liebsten verdrängen wollten. Wie sie sie gerettet hatte, wie sie sie gedeckt hatte, wie sie mit ihnen gegessen und gelacht hatte. All das würde sie in ihnen wecken und sie würden betreten zu Boden blicken und ein paar würden vielleicht sogar beginnen an dem System zu zweifeln und sollte sie dies schaffen, dann hatte sich ihr Tod gelohnt.

Es war noch dunkel, als sie Schritte vor ihrer Zelle vernahm. Vermutlich wollten sie den unangenehmen Teil vor dem Frühstück erledigen. Ihr sollte es Recht sein. Noch bevor die Schlüssel ganz herumgedreht waren, hatte sie sich schon aufgerichtet und ihren Platz vor der Türe eingenommen, doch als die Zellentüre sich öffnete, stand davor keiner ihrer Wärter. Ein Wächter würde nie mit dem Rücken zu ihr stehen, während er die Tür öffnete. Im Halbdunkel konnte sie nur erkennen, dass es ein Soldat war, doch nicht wer.

In diesem Moment drehte er sich um und machte einen Satz zurück. Den Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet.

„Verdammt! Was ist dein Problem?“, flüsterte er in ersticktem Ton.

Lora musste sich allerdings erst von ihrem eigenen Schock erholen, denn vor ihr stand niemand geringeres als Anderson.

„Hier…“, murmelte er und warf ihr einen Fetzen Stoff zu, ehe er sich erneut umdrehte und begann wegzugehen.

„Was…?“, begann sie, doch zu mehr kam sie nicht, denn er unterbrach sie.

„Hör zu… Lass uns das einfach schnell über die Bühne bringen, ja?“

Sie nickte nur stumm und streifte sich den Mantel über, als der sich das Stück Stoff herausgestellt hatte.

Darauf nickte er ebenfalls.

„Komm…“

Schweigend führte er sie durch das schlafende Lager und das war gut, denn sie war selbst mit ihren Gedanken beschäftigt. Irgendwie bekam sie es nicht in den Kopf, dass von all ihren Kameraden ausgerechnet Anderson beschlossen hatte sie zu befreien und irgendwie erwartete sie deswegen hinter jeder Ecke einen Hinterhalt und ihren eigenen Tod.

Schon seltsam, doch während sie sich in der Zelle damit abgefunden hatte, schien sie mit jedem Schritt draußen mehr zur Kämpferin zu werden. 

Trotzdem erschien es ihr wie ein Wunder, als sie das Lager hinter sich ließen und in den Dschungel um sie herum traten. 

Jetzt konnte sie die Unsicherheit in Andersons Haltung sehen. Er schien sich nicht sicher zu sein, was nun passieren würde. 

Mit einem tiefen Atemzug trat Lora neben ihn und schlüpfte gleichzeitig aus dem Mantel.

Sie konnte die Überraschung in seinem Blick erkennen, drückte ihm aber trotzdem das Kleidungsstück in die Hände.

„Danke, dass du mein Leben gerettet hast“, flüsterte sie.

Einen kurzen Moment sah sie Erleichterung in seinem Blick, doch diese war genauso schnell wieder ersetzt durch seine typisch arrogante Art.

„Wir sind jetzt quitt“, erklärte er ihr und fügte noch hinzu, „Glaub nicht, dass ich dich im Kampf verschonen würde, nur weil ich es jetzt tue. Ich stehe nicht gern in der Schuld anderer.“

Einen Moment überlegte sie, ob sie darauf antworten sollte, doch sie entschied sich dagegen und nickte einfach nur. Kurz hielt sie noch seinen Blick doch dann wandte sie sich der Freiheit zu.

Ohne lange zu überlegen lief sie zwei große Schritte und mit einem Lächeln und einem Satz verschwand sie als Löwin im Unterholz.

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